OROFAZIALE SCHMERZEN
  orofaciale Schmerzen
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Der Begriff                                                                                                                                     

Manche Autoren schreiben das Wort orofaziale mit c (orofaciale).

Als orofaziale Schmerzen fasst man im Sinne eines Oberbegriffes Schmerzen im Bereich von Ges icht, Nase, Oh ren und Kiefergelen k zusammen, manche Autoren schließen auch die Halswi rbelsäule mit ein. Hauptsächlich handelt es sich allerdings um einen Gesich ts- und Kieferschmerz. Der englische Begriff für orofaziale Schmerzen lautet „orofacial pain“, kurz „OFP“.

Orofaziale Schmerzen neigen zur Chronifizierung und sind häufig mit Schmerzen anderer Lokalisationen vergesellschaftet. Sie können sehr unangenehm sein. 

Da in den meisten Fällen orofaziale Schmerzen in Verbindung mit Kieferproblemen bzw. Beschwerden des Kauapparats auftreten, bezeichnet man diese Affektion (= Störung, Erkrankung) als "cran iomandibuläre Dysfun ktion“, „Temporomand ibuläre Dysfun ktion“ oder auch als „Myoar thropathien des Kauorgans“. Hierbei ist zu beachten dass bei einer vorhandenen cran io-/kran iomandibuläre Dysfun ktion (noch) nicht unbedingt orofaziale Schmerzen vorherrschen, obwohl diese oft daran gekoppelt sind. Man kann z. B. Beschwerden im Ki eferbereich haben (z. B. ein Knirschen oder Knacken im Kie fer) ohne dass bereits orofaziale (orofaciale) Schmerzen vorhanden sind.

Die Symptome (= Krankheitszeichen)

Differenziert betrachtet, existieren unterschiedliche Schmerzformen mit der Bezeichnung "orofaziale Schmerzen". Ordnet man orofaziale Schmerzen bestimmten ursächlichen Faktoren zu, zeigen sich signifikante Unterschiede in der Lokalisation des Schmerzes.

Orofaziale (orofaciale) Schmerzen können auftreten im Bereich von N ase und Oh ren, in Form von Schmerzen im Kiefergelen k bzw. der Kaumus kulatur sowie Schmerzen, die sich über den gesamten Gesich tsbereich erstrecken. Weitere wichtige Symptome sind häufige Kopfschmerzen, Schmerzen im Bereich der Halswi rbelsäule, bei der Mundöffnung und beim Kauen sowie Schmerzen in Verbindung mit Knackgeräuschen im Bereich des Kiefers. Orofaziale (orofaciale) Schmerzen können zu einer starken Einschränkung der Unterkieferbeweglichkeit bis hin zu vollständigen Blockierung derselben führen.  Unter den Oberbegriff "orofaziale Schmerzen" fällt auch das Synd rom des brennenden Mundes (Burning mouth syndrome, BMS, Zungenbrennen) sowie die atypische Odontalgie (Phantomzahnschmerz).

Orofaziale Schmerzen kommen in unserem Kulturkreis recht häufig vor. Untersuchungen haben ergeben, dass ca. 5 bis 10 Prozent der deutschen Bevölkerung an dieser Erkrankung leiden. Interessanterweise sind 80 Prozent der Patienten weiblich. Orofaziale Schmerzen treten meistens im Alter von 20 bis 40 Jahren auf und sind weder bösartig noch gefährlich („man kann damit 100 Jahre alt werden“). Orofaziale Schmerzen (spez. die kran iomandibuläre Dysfun ktion) treten zudem häufig zusammen mit einem Tinni tus auf. Eine direkte Verbindung zwischen arthrogenen Kiefergelenksstörungen (und damit in Verbindung auftretende orofaziale Schmerzen) und Tinni tus konnte zwar noch nicht wissenschaftlich eindeutig bewiesen werden. Allerdings sind neuromuskuläre und funktionelle Zusammenhänge für diese oft parallele Symptomatik zu vermuten.

Diagnostik

Orofaziale Schmerzen bedürfen primär einer abgestimmten, interdisziplinären Diagnostik (Hals-N asen-Oh ren-Arzt, Kieferorthopäde und evtl. auch Zahnarzt). Auch eine funktionsdiagnostische Untersuchung sollte erfolgen.

Ursachen

Wie oben bereits erwähnt, existieren differenziert betrachtet, unterschiedliche Schmerzarten, für die die Bezeichnung orofaziale Schmerzen zutrifft. In den meisten Fällen werden aber orofaziale Schmerzen durch eine cran iomandibuläre Dysfun ktion ausgelöst.

Die möglichen Ursachen für eine cran iomandibuläre Dysfun ktion und damit für orofaziale (orofaciale) Schmerzen sind vielschichtig und können grob in drei große Gruppen eingeteilt werden, die individuelle Wertigkeit ist verschieden:

Die Ursachen für die cran iomandibuläre Dysfun ktion und eine Reihe weiterer Krankheitszeichen im Kop f-, Nac ken- und Schul terbereich können in einer Über- oder Fehlbelastung der Kaumuskulatur und der Kiefergelen ke liegen. Leider werden diese Beschwerden oft gar nicht oder falsch diagnostiziert und bleiben unbehandelt. Orthopädische Probleme, insbesondere Probleme der Halswi rbelsäule können auf eine cran iomandibuläre Dysfun ktion und damit auf orofaziale Schmerzen entscheidenden Einfluss haben. Es gibt immer mehr Hinweise, dass Fehlhaltungen der Wirbelsäule im Zusammenhang mit Beschwerden im Kieferbereich stehen und damit zu orofaziale n Schmerzen führen können.

Zu den psychischen bzw. psychosomatischen Leiden, die u. U. orofaziale Schmerzen begünstigen, zählen v. a. Stress und psychosoziale Belastungen. Jeder Mensch reagiert anders auf übermäßigen Stress. Manche Menschen bekommen ein Magengeschwür, andere Bluthochdruck und manche Menschen knirschen mit den Zähnen. Stress, so wird heute allgemein angenommen, ist die Hauptursache für das Zähneknirschen. Weitere Gründe können eine Fehlstellung des Bisses und fehlerhafte Zahnkontakte sein. Bei einer normalen Funktion des Kauorgans befinden sich die Zähne zum Kauen oder beim Schlucken im Verlaufe des Tages ca. 15 Minuten miteinander in Kontakt. In der verbleibenden Zeit kann sich die Kaumuskulatur entspannen, die Zähne berühren sich nicht. Die Folge des „Bruxismus“, wie das Zähneknirschen in der Fachsprache auch genannt wird, ist die übermäßige Abnutzung und Verletzung der Zähne. Bei nächtlichem Knirschen fühlt sich der Kiefer morgens nach dem Aufwachen oft steif und ermüdet an, die Mundöffnung ist eingeschränkt. Wenn sich die Beschwerden über den Tag verschlimmern, knirschen Sie auch am Tage unbewusst mit den Zähnen. Außerdem können durch die hohe Belastung während des Knirschens Beschwerden in den Kiefergelenken und der Kaumuskulatur und damit schließlich orofaziale Schmerzen als Symptom (= Krankheitszeichen) einer cran iomandibulären Dysfun ktion auftreten.

Angewohnheiten, die die Kaumuskulatur dauerhaft überlasten oder eine unnatürliche Stellung des Unterkiefers verursachen, können ebenfalls zu orofaciale n Schmerzen bzw. zu einer „cran iomandibulären Dysfun ktion“ führen. Dazu gehören das Kauen auf Fingernägeln oder Schreibgeräten (z.B. Bleistift), übermäßiges Kaugummikauen, das Schlafen auf dem Bau ch oder eine häufige Fehlhaltung des Kopfes. Orofaziale Schmerzen können auch infolge einer schlechten Sitzhaltung auftreten und gehen in der Regel mit spürbaren Verspannungen im Bereich der Nackenmuskulatur einher.

Eine weitere mögliche Ursache für orofaziale (orofaciale) Schmerzen sind traumatische (= verletzungsbedingte) Einflüsse (Gesichtstrauma), wie ein Schlag auf das Kinn, ein Schleudertrauma, lang andauerndes Mundöffnen beim Zahnarzt oder im Rahmen einer Intubationsnarkose. Ähnliche Effekte können auch durch schlecht angepassten Zahnersatz verursacht werden.

In manchen Fällen können orofaziale Schmerzen auch im Zusammenhang mit nicht-dentogenen (= nicht im Zusammenhang mit den Zähnen stehenden) Ursachen stehen, etwa mit einer systemischen Erkrankung (z.B. Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, Arthritis,…). Andere orofaziale Schmerzen wie das Synd rom des brennenden Mundes (Burning mouthsyndrome, BMS, Zungenbrennen) sowie die atypische Odontalgie (Phantomzahnschmerz) haben ebenfalls nicht-dentogene Ursachen.

Die Therapie

Die Therapie von orofaziale n Schmerzen sollte stets individuell und sehr spezifisch erfolgen. An erster Stelle steht hier eine umfassende Patientenaufklärung über mögliche Ursachen des Beschwerdebilds.

Sind akute Traumen (= Verletzungen) bei gleichzeitigen psychosozialen Belastungen und entsprechender Veranlagung Ursache der orofaziale n Schmerzen, so sollte eine Therapie sowohl die körperlichen als auch die seelischen Faktoren berücksichtigen. So ist der Patient auch über die psychosozialen Krankheitsursachen aufzuklären und ggf. eine psychotherapeutische Behandlung einzuleiten.

Stehen orofaziale Schmerzen in Zusammenhang mit der cran iomandibulären Dysfun ktion bzw. mit Myoa rthropathien des Kauorgans sollten folgende Therapien eingesetzt werden:

Mit invasiven und anderen irreversiblen Behandlungsmaßnahmen sollte man bei orofaziale n Schmerzen bzw. einer cran iomandibulären Dysfun ktion zurückhaltend sein. Eine sog. „systematische okklusale Einschleiftherapie“ wird nicht empfohlen. Bei Menschen, deren schmerzhafte Kaumuskel- und/oder Kiefergelenkbeschwerden in Zusammenhang mit einer systemischen Erkrankung stehen (wie Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises), muss die Behandlung primär auf die Grunderkrankung ausgerichtet sein.

Für Patienten mit persistierenden (= anhaltenden), orofaziale n Schmerzen wird ein abgestuftes Vorgehen empfohlen. Grundsätzlich sollten dieselben Prinzipien zur Anwendung kommen, die auch bei Patienten mit in anderen Körperbereichen lokalisierten chronischen Schmerzen gelten. Chirurgische Eingriffe an den Kiefergelen ken sind nur bei einem sehr geringen Prozentsatz der Patienten indiziert; Risiken und Nutzen sind genau gegeneinander abzuwägen.

Der Einsatz psychologischer Therapiemaßnahmen wird bei orofaziale n Schmerzen bzw. der cran iomandibulären Dysfun ktion generell als sinnvoll erachtet.

Spezielle Schmerztherapie bei orofaziale n Schmerzen bzw. bei kran iomandibuläre r Dysfun ktion

Bei einer kraniomand ibuläre n Dysfun ktion hat sich eine in kürzeren Abständen wiederholte Infiltration der Kaumuskulatur mit einem langwirkenden örtlichen Betäubungsmittel (z.B. Bupivacain 0,25-0,5%) bewährt, ebenso Blockaden (= Betäubungen) der beteiligten Ner ven im Gesich tsbereich (supraorbitalis, infraorbitalis und auriculotemporal is).

Als nächst höhere Therapiestufe kommen bei Schmerzen im Mu nd- und/oder Rachenbere ich dann engmaschige Blockaden des Ganglion cervicale superior (= eine vegetative Schaltstelle im hinteren Rachenbereich) oder auch des Ganglion stellatum (= eine vegetative Schaltstelle im seitlichen Halsbereich) in Frage. Das Ganglion stellatum kann auch kontinuierlich mittels eingepflanztem Katheter betäubt werden.

Bei der Verabreichung von Lokalanästhetika (= örtliche Betäubungsmittel) kommt es neben der gewünschten Unterbrechung der Schmerzreizleitung im behandelten Bereich zu einer sehr deutlichen Steigerung der Durchblutung, die sowohl jeder entzündlichen (z.B. Arthritis der Kiefergelen ke) als auch degenerativen Schmerzursache (z.B. Arthrose) kausal (= ursächlich) entgegenwirkt. Da Lokalanästhetika hinsichtlich ihrer Wirkung zeitlich begrenzt sind (z.B. Bupivacain bis zu 6 Stunden), muß eine solche Behandlung engmaschig (mind. 2 mal täglich, auch an Wochenenden) über einen längeren Zeitpunkt (z.B. 2-3 Wochen) erfolgen. Dies setzt aber regelmäßig eine stationäre Behandlung voraus.

Vor allem in Hinblick auf ein mögliches Rezidiv (= Rückfall) ist bei einer kraniomand ibuläre n Dysfun ktion ein EMG-Biofeedback (= Registrierung und Rückmeldung der bioelektrischen Muskelaktivität) zu empfehlen.


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